Der menschliche Geist kehrt, wenn er von einer neuen Idee gefordert wurde, nie in seine Ausgangsposition zurück.

Oliver Wendell Holmes

Aus den zahlreichen Bedeutungen, die das Wort ‚logos‘ in seinen Übersetzungen hat, greifen wir auf das Wort ‚Sinn‘ zurück. Der Mensch sucht nach Sinn in seinen Beziehungen, seinen Betätigungen, seinem Beruf – und zuweilen nach sinnvoller Begleitung durch einen anderen Menschen, der ihn in einer Lebensphase darin unterstützt, Antworten auf existenzielle Fragen zu finden. Mentoren, die sich in ihrem Kernberuf mit Fragen der Erwachsenenbildung, der Seelsorge, der Personalentwicklung oder auch der Heilkunde befassen, können eine solche Rolle meist leicht einnehmen, in ihrer Tätigkeit spielt ‚Bildung‘ und ‚Wissensvermittlung‘ meist ohnehin eine große Rolle.

Viktor Frankl hat mit seiner ‚Theorie des Logos‘ die besondere Eigenart des Menschseins angesprochen. Für ihn ist ‚Mensch zu sein‘ kein ‚nun-einmal-so-und-nicht-anders-sein-Müssen‘, sondern steht ein ‚immer-auch-anders-werden-Können‘. Wer in dieser Haltung lebt, fragt immer wieder nach dem Sinn in seinem Leben. Diese Frage zu stellen, ist zutiefst menschlich und sie braucht etwas, was den Menschen über das hinaushebt, was ihm sein Körper und seine Psyche ermöglicht. Diese dritte Dimension ist der Geist.

Während die körperliche [somatische] und die psychische Dimension in einem engem Zusammenhang stehen – wir kennen dies zum Beispiel aus dem Bereich psychosomatischer Erkrankungen – kann sich der Mensch kraft seiner geistigen Dimension zum Beispiel über Beschwerden hinwegsetzen, die ihm Psyche oder Körper bereiten. Wichtig ist diese Fähigkeit besonders dann, wenn der Mensch am Sinn in einem seiner Lebensbereiche zweifelt oder verzweifelt. Um den Menschen darin zu unterstützen, diese Fähigkeit des Geistes auch einzusetzen, ist das Gespräch mit einem Menschen hilfreich, der gelernt hat, mit passenden Fragen, Ermutigungen, Bildern und Klärungen auf die Möglichkeiten hinzuweisen, die ein Mensch trotz seiner Belastungen hat. Ein solches Gespräch ist eine ‚sinnorientierte Beratung‘. Für psychisch erkrankte Menschen nehmen Logotherapeuten diese beratende Rolle ein – für Menschen, die an ‚Aufklärung‘ ihrer sie blockierenden Lebensthemen interessiert sind, bieten erwachsenenpädagogisch-sinnorientiert qualifizierte Mentoren eine wirksame Unterstützung.

Im Menschenbild der Sinntheorie Frankls finden wir den Menschen wieder als grundsätzlich entscheidungs- und willensfrei. Jeder Mensch ist – auch wenn es ihm selbst nicht so erscheint – befähigt, zu seinen inneren und äußeren Bedingtheiten Stellung zu beziehen und sich auf Sinn und Werte auszurichten. Der Mensch ist also nie frei von Bedingungen und Prägungen persönlicher, typologischer, biologischer, sozialer und kultureller Art, doch innerhalb dieser Gegebenheiten trifft er täglich auf unzählige Situationen, die ihn herausfordern, mit ihnen in für ihn bestmöglicher Weise gestaltend umzugehen. Mit Frankl können wir daher sagen: Es ist das Leben selbst, das dem Menschen Fragen stellt. Nicht er hat zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten, das Leben zu verantworten hat.

Kann der Mensch seinen Willen zum Sinn im Alltagsgeschehen nicht zur Geltung bringen, können bedrückende Sinn- und Wertlosigkeitsgefühle entstehen. Eine logoandragogische Beratung beugt dem vor und fördert die Bewusstmachung und Stärkung des Geistigen. Sie verhilft dazu, die individuellen Sinnmöglichkeiten, die in jeder Situation verborgen liegen, aufzuspüren und in sinnerfüllende, lebenserfreuende Handlungen umzusetzen.