Es kommt nie und nimmer darauf an, was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr darauf, was das Leben von uns erwartet.

Viktor E. Frankl

Viktor E. Frankl wird am 26.3.1905 in Wien geboren. Als Schüler beschäftigt er sich mit Naturphilo­sophie und besucht Volkshochschul-Kurse über Angewandte Psychologie. Seine Matura legt er mit dem Thema ‚Zur Psychologie des philosophischen Denkens‘ ab. Als Gymnasiast korrespondiert Frankl mit Sigmund Freud, der 1924 seinen Aufsatz: „Zur mimischen Beja­hung und Verneinung“ zur Veröffentlichung an die ‚Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse‘ weiter­leitet. Wohl diese ihn erfreuenden Erfahrungen führen Frankl dazu, Freud zu fragen, wo er eine Lehranalyse absolvieren könne, um später als Psychoanalytiker arbeiten zu können. Freud ver­wies ihn an den Sekretär der psychoanalytischen Vereinigung, Paul Federn. Frankl er­schien zum vereinbarten Termin und wurde ins Arbeitszimmer geführt, an dessen Ende Federn am Schreibtisch saß und, ohne von Frankl Notiz zu nehmen, in seiner Arbeit fortfuhr. Nach langer Zeit wortlosen Stehens und Wartens wies er Frankl mit einer Handgeste einen Stuhl zu und fragte eine für Frankl unerwartete Frage: „Nun, Herr Frankl, was ist Ihre Neurose?“ Frankl erzählte nervös etwas von seinen ‚analen Zügen‘ und beschrieb dann Aspekte seines belasteten Gefühls- und Seelenlebens. Am Ende dieses ‚Gesprächs‘ schlug ihm Federn vor, er solle zuerst das Medizinstudium beenden und dann erneut vorsprechen.

Frankl fühlte sich schlecht nach diesem Treffen. Was war da passiert? Ihm wurde bewusst – trotz des Wissens um die Methode des Wartenlassens, des emotionslosen Platz­anweisens, der peitschenartigen Frage nach seiner Neurose, eines fehlte ihm: Die menschlichen Züge. Diese Kälte ließ Frankl erschaudern. Und die Reduktion auf ‚seine Neurose‘, der auf seine Patho­logie minimierte Mensch machten Frankl schlagartig klar, dass die von Freud begründete Psycho­analyse für ihn nicht die beste Methode für die Begleitung von Menschen sei. Was Frankl er­lebte, empfand er würdelos. Dieses Erlebnis sollte die Geburtsstunde der Logotherapie werden.

Zuvor jedoch wandte er sich der Individualpsychologie Alfred Adlers zu und absolvierte dort seine Ausbildung und Examen. 1925 wird sein Beitrag ‚Psychotherapie und Weltanschauung‘ in der ‚Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie‘ publiziert, mit dem er den Übergang zwischen Psychotherapie und Philosophie im Kontext der Sinn- und Wertproblematik aufgreift.

Seine auf dem dritten internationalen Kongress der Individualpsychologie vertretene, unorthodoxe Meinung, „dass das neurotische Arrangement und der sekundäre Krankheitsgewinn nicht die einzige Motivationskraft des neurotischen Menschen sein können, sondern dass er auch als Person zu sehen sei, die ihr Dasein zu verstehen trachtet und auch nach einem Sinn im Leben sucht“ wurde als Affront gegen die Lehren der Individualpsychologie gewertet, der letztlich zum Ausschluss aus dem Verein für Individualpsychologie durch Alfred Adler führte.

Inspiriert durch Karl Theodor Jaspers, Martin Heidegger und insbesondere durch „Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wert­ethik“ von Max Scheler studierte Frankl an der Universität Wien neben Medizin auch Philosophie. Auf verschiedenen Kongressen, führte er 1926 den Begriff Logothe­rapie ein, um diesem dreizehn Jahre später den Begriff Existenz­analyse zur Seite zu stellen, mit der Frankl das anthropologische Fundament der Logotherapie beschreibt und damit seiner Sinntheorie eine umfassende Struktur verleiht. Nach seiner Pro­motion in Medizin 1930 und der Facharztausbil­dung in Neurologie [der nach dem Krieg auch ein Doktorat in Psychologie folgen sollte] war Frankl leitend am Psychiatrischen Krankenhaus in Wien tätig. Aufgrund seiner jüdischen Ab­stammung wurde es ihm verboten, ‚arische‘ Patienten zu behandeln und so wechselte er ans jüdi­sche Rothschild-Spital, bis zu dessen Schließung 1942. Frankl und seine Familie wurden nach Theresien­stadt deportiert. Er verbrachte drei Jahre in vier Konzentrationslagern. In seinem letzten Lager in Dachau erkrankt er an Fleckfieber und übersteht diese Zeit, indem er sich nachts wachhält, um sein Buch „Ärzt­liche Seelsorge“ zu rekonstruieren, dessen Manuskript ihm bei seiner ersten In­ternierung be­reits weggenommen wurde.

Nach seiner Befreiung im April 1945 erfährt er, dass außer seiner nach Australien emigrierten Schwester seine ganze Familie in Konzentrationslagern umgekommen war. Das Viktor Frankl Zentrum Wien informiert weiter: 1946 wird Frankl wird Vorstand der Wiener Neurologischen Poliklinik. Mit seinem Werk „Ärztliche Seelsorge“ habilitiert er sich. Die englische Ausgabe des Buches „Ein Psycho­loge erlebt das Konzentrationslager“ [Man's Search for Meaning] wird später mehrere Millionen Mal verkauft werden. 1949 promoviert Frankl in Philosophie mit dem Thema: „Der unbewusste Gott“. 1951 und 1954 folgen die Werke „Logos und Existenz“ und „Theorie und Therapie der Neurosen“. 1955 erhält Frankl eine Professur an der Wiener Universität und in späteren Jahren Gastprofessuren an den Universitäten San Diego, Dallas, Pittsburgh und Harvard. Frankls Gesamtwerk umfasst mehr als 300 Bücher und Schriften in mehreren Dutzend Sprachen – 29 Ehrendoktorate und zahllose Eh­rungen und Auszeichnungen, u.a. die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wien und das Große Verdienst­kreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland rahmen sein Lebenswerk ein. 1970 wird an der United States International University das weltweit erste Logotherapie-Institut ge­gründet, 1992 dann das Viktor-Frankl-Institut in Wien. Frankl stirbt am 2. September 1997.

Viktor E. Frankl, Arzt, Psychiater und Philosoph und Begründer der dritten Wiener Schule der Psychotherapie [nach Freud mit dessen Psychoanalyse und Adler mit dessen Individualpsychologie] hat mit seiner Logotherapie ein ganzheitliches Konzept der therapeutischen Begleitung des Menschen entwickelt. Frankl betont in der Arbeit mit Menschen dabei zuerst und vorrangig deren geistige Dimension und mit ihr das Bild von einem Menschen, der in seinem Leben nach Sinn strebt [Freud: der Mensch strebt nach Lust, Adler: der Mensch strebt nach Macht]. Mit der Geistigkeit des Menschen und seiner Suche nach Sinn im Leben [logos = Sinn] arbeitet der logotherapeutisch qualifizierte Berater. Viele Belastungen, Störungen und Erkrankungen gehen gerade heute auf ein Empfinden von Sinnleere zurück – den Menschen darin zu unterstützen, dass er seine per se gesunde geistige Dimension nutzt, um Sinn zu finden, ist Aufgabe des Logotherapeuten oder eines Wert-Sinn-Coachs. Sinnfindung bewirkt eine Verbesserung des individuellen Zustandes auf der psychischen Ebene. Der Logos wirkt auf die Psyche. Diesen Prozess nennen wir Logopsychie, anders als die Psychologie, die die Prozesse im Seelischen zu erklären versucht.

Bildnachweis: Prof. Dr. Franz Vesely, Viktor-Frankl-Archiv